Jetzt: Rosenkranz, Rosenkranz, Aufzeichnung
Rosenkranz, Rosenkranz, Aufzeichnung

Die Heilige Agnes von Prag

Die Jahresheilige von radio horeb heißt 2022 Agnes von Böhmen bzw. Agnes von Prag. Die Heilige Agnes erlebte fast das ganze 13. Jahrhundert, das glanzvolle, aber letzte Jahrhundert  ihrer Familie – dem großen Königsgeschlecht der Premysliden. Wer war diese Frau? –  die sich für das Armutsgelübde entschied – so radikal, wie die Heiligen Franziskus und die Klara von Assisi? "Mit dem silbernen Löffel im Mund geboren", tauschte sie ihre kostbaren Königsgewänder gegen die Nonnenkutte.

 

"An den Schmähungen Christi teilhaben, ist ein größerer Reichtum als alle Schätze Äyptens"

- Heilige Agnes von Prag

Jedes Jahr zieht der Programmdirektor von radio horeb, Pfarrer Dr. Richard Kocher, einen Jahresheiligen. Dieser wird besonders verehrt und in verschiedenen Sendungen behandelt.

Ein Jahresheiliger ist ein Seliger oder Heiliger, Mann oder Frau, der für das kommende Jahr als persönlicher Begleiter dient. Viele Katholiken ziehen traditionell zu Allerheiligen oder zum Jahreswechsel aus einem Korb mit Zetteln, auf denen Heilige und Selige aufgeschrieben sind. Vorher wird zum Heiligen Geist um eine gute Wahl gebetet. Mittlerweile gibt es auch Angebote im Internet für die Ziehung - direkt mit weiterführenden Infos zum jeweiligen Fürsprecher (s. rechte Spalte)!

Und was mache ich mit meinem Jahresheiligen?

Die Heiligen und Seligen sind für uns Katholiken himmlische Fürsprecher, die uns auf unserem Weg zur Seite stehen und mit uns zum dreifaltigen Gott beten. Ihr Vorbild ist zudem Ermutigung und Herausforderung für das eigene Leben. Dem Jahresheiligen wollen wir besonders verbunden sein: Mit ihm (oder ihr) können wir unsere Gebetsanliegen, Sorgen, Ängste, Nöte und unseren Dank teilen. Wir dürfen regelmäßig um seine Fürsprache und sein Gebet bitten. 
Um den neuen himmlischen Freund noch besser kennenzulernen, können wir im Laufe des Jahres einige der folgenden Ideen verfolgen:

  • Über sein Leben lernen: Wir können ein Buch, eine (Auto-)Biografie lesen, vielleicht Beiträge im Internet (z. B. im ökumenischen Heiligenlexikon)
  • Mit dem Heiligen beten: Viele Heilige haben selbst Gebete geschrieben - diese können wir in unsere Tagesgebete einfließen lassen
  • Den Gedenktag begehen: Am Gedenktag des Jahresheiligen können wir besonders zu ihm beten, die Heilige Messe besuchen und seinem Lebensbeispiel folgen. Auch über das Jahr verteilt können wir die Schriftlesungen der Kirche zu diesem Tag betrachten (z. B. mit Hilfe des Schott-Messbuchs)
  • Um dem geistlichen Leben des Heiligen näherzukommen, können wir Bücher oder Texte lesen, die der Heilige selbst geschrieben hat, oder die andere über ihn verfasst haben. Bei biblischen Heiligen (Aposteln, Heilige des Alten Testaments...) bieten sich auch die entsprechenden Passagen der Heiligen Schrift zur Lektüre an.
  • Und natürlich dürfen wir kreativ sein und uns weitere Möglichkeiten überlegen, mit unserem Heiligen durch das Jahr zu gehen!

Das Wichtigste in Kürze

  • Geburt um das Jahr 1211 in Prag
  • jüngste Tochter von König Ottokar I., Herrscher über Böhmen und Mähren; Cousine der Heiligen Elisabeth von Thüringen, Nichte der Heiligen Hedwig von Schlesien
  • wegen der Heiratspolitik ihres Vaters mehrmals verlobt; alle Verlobungen wurden durch äußere Umstände gelöst bzw. später abgelehnt
  • Jugend und Erziehung in verschiedenen Klöstern in Schlesien und Böhmen, später am Hofe in Wien und Prag
  • versprach schon früh Jungrfräulichkeit und lebte sehr asketisch - Fasten, Selbstkasteiung und Almosen

  • 1230, erst nach dem Tod ihres Vaters, konnte Agnes ihren eigenständigen, geistlichen Lebensweg  gehen
  • 1232: Gründung des Spitals des Heiligen Franziskus sowie einer Spitalsbruderschaft (heute: Ritter mit dem roten Stern)
  • Kurz danach: Gründung eines franziskanischen Männerklosters sowie eines Klarissenklosters
  • Fokus: Armenpflege, besonders Spitalwesen
  • Unterstützung durch ihre Mutter sowie ihren Bruder König Wenzel I.

  • Höhepunkt 1234: Agnes legt ihre Krone ab und tritt in ihr eigenes Kloster ein. Sie leitet "Zu Sankt Franziskus" über 47 Jahre als Äbtissin.
  • Rege Korrespondenz und Freundschaft mit der Heiligen Klara sowie den Päpsten Gregor IX. und Innozenz IV.
  • Viele Wunder - besonders Heilungen durch Segen, Gebet, Hand- und Schleierauflegungen - sowie prophetische Visionen
  • Hohe Anerkennung im Volk und großen Einfluss auf die Politik des Reiches

  • Tod am 2. März 1281
  • Seligsprechung 1874, Heiligsprechung 1989 - erst spät, da ihre Gebeine durch Katastrophen und Kriege verlorengingen
  • Verehrung bis heute als Schutzpatronin Böhmens

Leben, Wirken und Verehrung der Heiligen Agnes

Bis heute wirkt das Leben der großen Heiligen nach - nicht nur Orden und Klostergebäude existieren noch, sondern auch zahlreiche Wunder werden auf sie zurückgeführt. Eine mittelalterliche Prophezeiung über sie sollte sich erst 1989 erfüllen...

Geboren wurde Agnes um das Jahr 1211 in Prag als jüngste Tochter von König Ottokar I., der in Böhmen und Mähren herrschte. Als Kind und Jugendliche wurde sie zum Objekt der väterlichen Heiratspolitik. Ihre Cousine war die Heilige Elisabeth von Thüringen, die Heilige Hedwig von  Schlesien war ihre Tante. Diese sollte ihre zukünftige Schwiegermutter werden - nach den Heiratsplänen ihres mächtigen Vaters. Bereits dreijährig wurde Agnes verlobt und ins Stift Trebnitz geschickt, dem ersten Frauenkloster von Schlesien.  Dort wurde das Mädchen von Hedwig erzogen. Agnes lernte eifrig die Grundlagen des Glaubens und die ersten Gebete. Fromm sang sie mit den  Zisterzienserinnen geistliche Lieder.
Ihr erster Verlobter starb aber noch während Agnes’ Zeit im Kloster. Kurz darauf ging Agnes nach Nordböhmen, ins Kloster Doxan. Doch ihr Vater hatte neue Pläne. Als königliche Braut wurde Agnes nun nach Wien geschickt, an den Hof des Herzogs Leopold  VI. Doch auch hier blieb Agnes ihrem strengen und tugendhaften Leben treu. Auch die neue Verlobung wurde "auf verschlungenen Wegen" aufgelöst, wie der Biograph berichtet. Ihr bescheidener Lebenswandel stand im großen Gegensatz zum luxuriösen Leben am Hofe. „Heimlich fastete sie in der Advents- und  Fastenzeit bei Brot und Wein, kasteite sich, betete und gab Almosen. Sie erwählte die  Mutter Gottes  zu ihrer Patronin und vertraute ihr ihre jungfräuliche Reinheit an.

Daran änderte sich auch nichts, als Agnes 14-jährig nach Prag zurückkehrte. Nun warb sogar der deutsche Kaiser Friedrich II. um ihre Hand. Die nun erwachsene Prinzessin konnte aber diesmal mit Unterstützung des Papstes Gregor IX. selbst ablehnen. Der Briefwechsel zwischen diesen drei Persönlichkeiten ist noch erhalten. Friedrich zeigte Verständnis: "Wenn irgendein Mensch UNS eine solche Schmach zugefügt hätte", schrieb er, "dann hätten wir nicht gezögert, UNS dafür zu rächen. Da sie aber einem größeren HERRN den Vorzug gegeben hat, empfinden wir das keineswegs als Schmach, denn WIR sind überzeugt, dass es aus göttlicher Eingebung geschah." Von da an lobte er öffentlich die Gesinnung der "erhabenen" Jungfrau, Agnes, sandte ihr kostbare Geschenke und zahlreiche Reliquien.

Doch erst 1230, nach dem Tod ihres Vaters, konnte Agnes ihren eigenständigen, geistlichen Lebensweg  gehen. Sie eiferte ihrer Cousine Elisabeth von Thüringen nach und wollte in ein Kloster eintreten. Ihre großen Vorbilder waren Klara und Franziskus von Assisi und so wie sie wollte Agnes das Schicksal der Armen teilen. 1232 gründete sie in ihrer Heimatstadt das Spital des Heiligen Franziskus für Arme und Kranke sowie eine Hospitalbruderschaft, die später zum Orden der Ritter mit dem roten Stern erhoben wurde und heute noch besteht. Kurz darauf entstanden in der Nähe zwei Klöster, ein Männerkloster des Franziskanerordens  und ein Klarissenkloster. Dieser Gesamtkomplex in der Prager Altstadt heißt bis heute Agnes-Kloster. Agnes förderte die Armenpflege, besonders das Spitalwesen. Dabei genoss sie großzügige und liebevolle Unterstützung von ihrer Mutter und ihrem Bruder Wenzel I., dem neuen König, der ihr alle Freiheiten gewährte. Zwei Jahre später legte sie ihre Krone ab und trat selbst in ihr Kloster ein, was in ganz Europa Ergriffenheit hervorrief. Sie wurde Äbtissin ihres Klosters "Zu Sankt Franziskus". Über 47 Jahre sollte sie es leiten.

Ihre Seelenverwandte, die Heilige Klara, pries Gott, als sie vom Ruf Agnes’ erfuhr und überhäufte sie mit Lob und Geschenken. Sie sandte einen Schleier, ihr eigenes Schüsselchen, einen Becher und andere Dinge, die Agnes ergeben entgegennahm. Klara nannte Agnes "die Hälfte meiner Seele" und beriet sie in allen Fragen zu den Ordensregeln. Vom regen Austausch sind noch vier Briefe der Heiligen Klara erhalten (s. u.), die Korrespondenz der Päpste Gregor IX. und Innozenz IV. mit ihr ist gut dokumentiert.

Bald war die kluge und hochgebildete Äbtissin Agnes über die Landesgrenzen hinaus bekannt für ihre Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Ihre Wundertaten und prophetischen Visionen wurden akribisch aufgeschrieben. Ihr Leben lang bemühte sie sich als Friedensstifterin, sowohl in ihrer königlichen Familie als auch in böhmischen Ländern. Sogar einen drohenden Krieg verhinderte Agnes, indem sie zwischen König Wenzel I. und seinem Sohn Ottokar II. vermittelte. Auch die Gesandten des Papstes ließen sich zuerst von ihr beraten, um dann die Loyalität des Königs zur Kirche zu erwirken. Durch ihre Fürbitte bei Gott wurde Böhmen vor dem Einfall der Tataren bewahrt.

Heilungen von Agnes’ Mitschwestern, aber auch von Laien - durch ihre Hand- oder Schleierauflegung, ihr Segen und inständiges Gebet – zeugen von ihrer innigen Verbundenheit mit dem himmlischen Bräutigam. So war etwa Sophie, die Gattin des Ritters Konrad, im Kindbett schwer erkrankt. Sie bat um einen Apfel, doch es war Winter. Verzweifelt eilte ihr Mann zu Agnes. Und siehe da: Nachdem sie einen Baum gesegnet hatte, konnte sie drei Äpfel pflücken. Frau Sophie gesundete sofort. 

1278 verabschiedete sich Agnes unter Tränen von ihrem Neffen, König Ottokar II., vor seiner letzten Schlacht auf dem Marchfeld. Er werde nicht zurückkehren, so prophezeite sie ihm. In einer Vision erlebte sie – 21 Meilen weit entfernt - seinen grausamen Tod auf dem Schlachtfeld. Die Kunde verbreitete sich wie im Fluge im ganzen Lande und wurde erst später durch Boten bestätigt. Nach dem Tode König Ottokars blieb von der königlichen Familie nur noch Agnes in Freiheit, tapfer harrte sie in ihrem Kloster in Prag aus und wurde nicht nur zu einem Symbol, sondern schon auf Erden zur Fürsprecherin bei Gott für ihr leidendes Land.
Agnes starb am 2. März 1281.

Auch nach ihrem Tod hielten die Wunder an. Allerdings wurde das Kloster mit Agnes’ Gruft immer wieder überschwemmt. Ihre Gebeine gingen in den Wirren der Hussitenkriege verloren. Da ihre Reliquien verschollen waren, konnte sie erst 1874 selig und am 12. November 1989 durch Papst Johannes Paul II. heilig gesprochen werden.

"Ruhe und Friede" werden nach Böhmen erst dann einkehren, wenn ihr Grab gefunden werde – so heißt es in einer Prophezeiung aus dem 15. Jahrhundert. Dass die Hoffnung daran durch all die Jahrhunderte nicht verloren ging, wurde besonders während der "Samtenen Revolution" im November 1989 in Prag sichtbar und so paraphrasiert: "Nicht das Auffinden ihrer Gebeine, sondern ihre Heiligsprechung werde dem Land gute Zeiten bringen." Am 17. November folgte die ersehnte Befreiung der damaligen Tschechoslowakei vom kommunistischen Joch.

Bis heute verehren die Menschen Agnes als Schutzpatronin Böhmens, besonders aber der Kranken, Armen und Leidenden. Dargestellt wird sie als Königin mit Krone, die am Bett eines Kranken sitzt, oder als Klarissin, die das Modell des Klosters in der Hand hält.

Eine Heilige Freundschaft: Klara von Assisi und Agnes von Prag

Briefe der Heiligen Klara an Agnes von Prag

Vier Briefe der Heiligen Klara an Agnes von Prag sind erhalten: Es sind Antworten auf Briefe von Agnes - die jedoch nicht erhalten sind. In der "Vita Agnetis", der Lebensbeschreibung der heiligen Agnes, findet sich das älteste Zeugnis für die Freunschaft der beiden heiligen Nonnen: "Als aber der Ruf ihrer wunderbaren Heiligkeit die heilige Jungfrau Klara erreichte, freute sich diese, weil die Gnade Gottes einen solch edlen Sproß fruchtbar machte. Sie pries den Allerhöchsten und tröstete Agnes wiederholt in mütterlicher, ehrerbietiger und von Liebe erfüllter Weise mit ihren liebenswürdigen Briefen. Klara bestärkte sie auch eifrig in ihrer heiligen Lebensweise."

Obwohl sich die Freundinnen nie persönlich gesehen haben - Prag und San Damiano trennen rund 1.000 km und beide lebten in Klausur - , spricht aus den Briefen Klaras eine tiefe Verbundenheit im Glauben mit Agnes.

Der ehrwürdigen und heiligen Jungfrau, Herrin Agnes, der Tochter des erhabenen und berühmten Königs von Böhmen, entbietet Klara, die unwürdige Dienerin Jesu Christi und unnütze Magd der Frauen von der strengen Klausur des Klosters S. Damiano, in allem ihre Untergebene und Magd, auf jegliche Weise und mit besonderer Ehrfurcht ihren Gruß, verbunden mit dem Wunsch, die Glorie der ewigen Glückseligkeit zu erlangen.

Ich habe den überaus ehrenwerten Ruf Eures heiligen Ordenslebens und Lebenswandels vernommen, der nicht nur mir, sondern fast auf der ganzen Welt rühmlich bekannt ist; darüber freue ich mich sehr im Herrn und juble; nicht nur ich allein vermag darüber zu frohlocken, sondern alle, die im Dienst Jesu Christi stehen oder zu stehen verlangen.
Ihr hättet außer anderem Prunk, Ehren und weltlicher Würde den außerordentlichen Ruhm genießen können, mit dem erlauchten Kaiser rechtmäßig vermählt zu werden, wie es Eurer und seiner Hoheit geziemt hätte.

Trotzdem aber habt Ihr das alles verschmäht. Ihr habt mit ganzer Seele und Leidenschaft des Herzens die heiligste Armut und leibliche Not erwählt und einen Bräutigam edleren Geschlechts genommen, den Herrn Jesus Christus, der Eure Jungfrauschaft immer unbefleckt und unversehrt bewahren wird.
Wenn Ihr ihn liebt, seid Ihr keusch, wenn Ihr ihn berührt, werdet Ihr noch reiner, wenn Ihr ihn aufnehmt, bleibt Ihr Jungfrau.
Seine Macht ist stärker, seine edle Art erhabener, sein Aussehen schöner, seine Liebe holder und alle seine Anmut feiner. Von seinen Umarmungen seid Ihr schon umfangen, er hat Eure Brust mit kostbaren Steinen geschmückt und Euren Ohren unschätzbare Perlen geschenkt.
Und ganz hat er Euch umgeben mit leuchtenden und funkelnden Edelsteinen und Euch gekrönt mit einer goldenen Krone, dem ausdrücklichen Zeichen seiner Heiligkeit.
Deshalb, liebste Schwester, ja noch mehr zu verehrende Herrin, seid Ihr Braut, Mutter und Schwester meines Herrn Jesus Christus; strahlend seid Ihr ausgezeichnet mit dem Banner unverletzlicher Jungfräulichkeit und heiligster Armut; bleibt stark im heiligen Dienst, den Ihr in glühender Sehnsucht zum armen Gekreuzigten begonnen habt.
Er hat ja für uns alle das Leiden des Kreuzes auf sich genommen und uns dadurch der Macht des Fürsten der Finsternis entrissen, in der wir wegen der Übertretung des Stammvaters in Banden gefesselt gehalten wurden. Und so hat er uns mit Gott, dem Vater, versöhnt.
O selige Armut! Denen, die sie lieben und hochschätzen, gewährt sie ewige Reichtümer!
O heilige Armut! Wer sie besitzt und nach ihr sich verzehrt, dem wird von Gott das Himmelreich verheißen, und ewiger Ruhm und seliges Leben ohne Zweifel verliehen.
O gottgefällige Armut! Sie hat der Herr Jesus Christus, der Himmel und Erde regierte und regiert, der auch sprach und es ward, vor allem anderen liebgewinnen wollen.
Die Füchse nämlich, sagt er, haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester, der Menschensohn aber, das heißt Christus, hat nichts, wohin er sein Haupt lege, sondern neigte sein Haupt und gab den Geist auf.
Wenn also ein so großer und hervorragender Herr in den jungfräulichen Schoß kam und verachtet, hilflos und arm in der Welt erscheinen wollte, damit die Menschen, die überaus arm und bedürftig waren und allzu sehr Mangel an himmlischer Speise litten, in ihm reich würden durch den Besitz himmlischer Reiche, so frohlockt von Herzen und freuet Euch, erfüllt von höchster Freude und geistlicher Fröhlichkeit!
Euch gefiel ja die Geringschätzung der Welt mehr als Ehren, Armut mehr als irdischer Reichtum und Ihr wolltet lieber Schätze im Himmel aufbewahren als auf Erden,
wo weder Rost sie verzehrt, noch Motten sie verderben, noch Diebe ausgraben und stehlen; deshalb ist Euer Lohn überreich im Himmel und Ihr habt gleichsam verdient, Schwester, Braut und Mutter des Sohnes des allerhöchsten Vaters und der glorreichen Jungfrau benannt zu werden. Ihr habt erkannt, so glaube ich nämlich fest, daß das Himmelreich einzig und allein den Armen vom Herrn versprochen ist und geschenkt wird.

Wer nämlich ein irdisch Ding liebt, verliert die Frucht der Liebe.
Man kann nicht Gott und dem Mammon dienen, denn entweder wird man den einen lieben und den anderen hassen, oder dem einen dienen und den anderen verachten.
Ihr habt erkannt, daß der Bekleidete nicht mit dem Nackten kämpfen kann, da schneller zu Boden geworfen wird, wer etwas hat, wodurch er festgehalten werden kann;
daß niemand in der Welt herrlich leben und dort mit Christus herrschen kann; und daß ein Kamel leichter durch ein Nadelöhr geht als ein Reicher ins Himmelreich.
Deshalb habt Ihr die Kleider, nämlich den irdischen Reichtum, abgelegt, um dem, der mit Euch ringt, in keiner Weise zu unterliegen, damit Ihr auf dem engen Weg und durch die schmale Pforte ins Himmelreich eintreten könnt. Es ist freilich ein großer und lobenswerter Tausch, das Zeitliche um des Ewigen willen zu verlassen, Himmlisches für Irdisches zu gewinnen, Hundertfaches für eines zu bekommen und das selige ewige Leben zu besitzen.
Deshalb habe ich dafür gehalten, so sehr ich vermag, Eure Hoheit und Heiligkeit mit demütigen Bitten bei der Liebe Christi anzuflehen, daß Ihr in seinem heiligen Dienst zu erstarken begehrt, vom Guten zum Besseren, von Tugend zu Tugend, damit der, dem Ihr mit der ganzen Sehnsucht des Herzens dient, sich würdige, die ersehnten Belohnungen zu gewähren. Ich beschwöre Euch im Herrn, so wie ich es vermag, daß Ihr mich, Eure wenn auch unnütze Magd, und die übrigen Euch ergebenen Schwestern, die mit mir im Kloster weilen, in Euren frommen Gebeten dem anempfehlen möget,
durch dessen Hilfe wir die Barmherzigkeit Jesu Christi gewinnen können, damit wir zusammen mit Euch für würdig befunden werden, uns der ewigen Anschauung zu erfreuen.
Lebt wohl im Herrn und betet für mich!

 

Klara

Der Tochter des Königs der Könige, der Magd des Herrn der Herrscher, der würdigsten Braut Jesu Christi wie auch der überaus vornehmsten Königin, der Herrin Agnes,
entbietet Klara, die unnütze und unwürdige Magd der Armen Frauen, Gruß, mit dem Wunsch, sie möge immer in der höchsten Armut leben.

Ich sage Dank dem Spender der Gnade, von dem jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk, wie wir glauben, ausgeht, weil er Dich mit so großen Kennzeichen der Tugenden geziert und mit den Merkmalen solcher Vollkommenheit geschmückt hat,
daß Du verdienst, des vollkommenen Vaters eifrige und vollkommene Nachahmerin zu werden, auf daß sein Auge in Dir nichts Unvollkommenes sehe.
Dies ist jene Vollkommenheit, durch die der König selbst sich Dir im himmlischen Brautgemach zugesellen wird, wo er glorreich auf sternenumkränztem Thron sitzt,
weil Du die Höhe irdischer Königswürde gering geachtet und das Anerbieten kaiserlicher Ehe zu wenig gewürdigt hast. Du bist die Nacheiferin der heiligsten Armut geworden und bist im Geiste großer Demut und glühendster Liebe den Fußspuren desjenigen gefolgt, dem angetraut zu werden Du verdient hast.
Da ich weiß, daß Du reich an Tugenden bist, will ich Dich mit weitschweifigen Worten verschonen und nicht mit überflüssigen belasten,
mag Dir auch nichts überflüssig erscheinen von dem, woraus Dir irgendein Trost kommen könnte. Weil aber nur eines notwendig ist, so beschwöre ich dies Eine und ermahne Dich um der Liebe dessen willen, dem Du Dich als heiliges und wohlgefälliges Opfer dargebracht hast, daß Du, eingedenk Deines Vorsatzes, wie eine andere Rachel immer Deinen Anfang im Auge hast: Du mögest halten, was Du hältst, was Du tust, tue weiter, ohne zu säumen,
vielmehr eile in schnellem Lauf, mit leichtem Schritt, ohne den Fuß anzustoßen,
damit auch Deine Schritte den Staub meiden; sicher, froh und munter mögest Du behutsam den Weg zur Seligkeit gehen. Glaube niemandem, stimme keinem zu, wenn er Dich von diesem Vorsatz abbringen, wenn er dir ein Ärgernis in den Weg legen wollte, damit Du in jener Vollkommenheit, zu der Dich der Geist des Herrn berufen hat, Deine Gelübde dem Allerhöchsten erfülltest.
Um aber auf dem Weg der Gebote des Herrn um so sicherer zu gehen, befolge den Rat unseres ehrwürdigen Vaters, unseres Bruders Elias, des Generalministers; seinen Rat ziehe den Ratschlägen der anderen vor und halte ihn für Dich teurer als jedes Geschenk. Wenn Dir aber jemand etwas anderes sagen, etwas anderes einreden würde, was Deiner Vollkommenheit hinderlich wäre, wenngleich Du ihm Verehrung schuldig wärest, befolge dennoch seinen Rat nicht!

Vielmehr den armen Christus umfange, o arme Jungfrau!

Schau auf den, der verachtenswert geworden ist für Dich! Ihm folge, die Du verachtenswert geworden bist in dieser Welt, um seinetwillen.  

Deinen Bräutigam, schöner als die Menschenkinder, der um Deines Heiles willen der Geringste der Menschen geworden ist, verachtet, zerschlagen und am ganzen Körper vielfach gegeißelt, sogar in Kreuzesnöten sterbend, ihn, vieledle Königin, schaue an, betrachte, beschaue, ihm begehre nachzufolgen.

Wenn Du mit ihm Schmerzen empfindest, wirst Du mit ihm herrschen, wenn Du mit ihm leidest, wirst Du Dich mit ihm freuen, wenn Du mit ihm am Kreuz der Drangsal stirbst, wirst Du im Glanz der Heiligen mit ihm die himmlischen Wohnungen besitzen.
und Dein Name wird im Buch des Lebens aufgeschrieben werden, um ruhmvoll unter den Menschen zu werden. Deshalb wirst Du auf immer und in alle Ewigkeit teilhaben an der Glorie des himmlischen Reiches anstelle zugrundegehender, und wirst leben in alle Ewigkeit.
Lebe wohl, liebste Schwester und Herrin im Herrn, Deinem Bräutigam, und empfiehl eifrig dem Herrn in Deinen frommen Gebeten mich mit meinen Schwestern, die sich freuen über das Gute des Herrn, das er in Dir durch seine Gnade wirkt.
Empfiehl uns auch vielmals Deinen Schwestern.

Ihrer in Christus ehrwürdigen Herrin und vor allen Sterblichen liebenswerten Schwester Agnes, des berühmten Königs von Böhmen leiblicher Schwester, jetzt aber des höchsten Königs des Himmels Schwester und Braut,
wünscht Klara, die demütigste und unwürdige Magd Christi und Dienerin der Armen Frauen, die Freuden des Heiles im Urheber des Heiles und was immer man Besseres begehren kann.

Aus Deinem Wohlbefinden, Deiner glücklichen Verfassung und Deinen glücklichen Erfolgen erkenne ich, daß Du in dem begonnenen Lauf zur Erlangung des himmlischen Siegespreises erstarkst, worüber ich mit Freude erfüllt bin;
und mit um so größerem Jubel im Herrn atme ich auf, als ich weiß und glaube, daß Du mein und der anderen Schwestern Versagen im Nachfolgen der Fußstapfen des armen und demütigen Jesus Christus wunderbar ergänzest.
Ich kann mich wirklich freuen und niemand soll mir eine solche Freude vergällen können,
weil ich das schon besitze, was ich unter dem Himmel heiß begehrt habe: Dich sehe ich nämlich, wie Du die Listen des schlauen Feindes, den verderblichen Hochmut der menschlichen Natur und die Menschenherzen betörende Eitelkeit schrecklich und unvermutet zu Fall bringst mit Hilfe eines wunderbaren Vorrechtes der Weisheit, die aus dem Munde Gottes selbst kommt; und ich sehe, wie Du den im Acker der Welt und der Menschenherzen verborgenen unvergleichlichen Schatz, mit dem man das kauft, wodurch alles aus nichts gemacht ist, mit Demut, mit der Kraft des Glaubens und mit den Armen der Armut umfängst.

Und um die Worte des Apostels selbst im eigentlichen Sinn zu gebrauchen, halte ich Dich für eine Helferin Gottes selbst und für eine Stütze der fallenden Glieder seines unaussprechlichen Leibes. Wer möchte mich deshalb abhalten, mich über solche wunderbare Freuden zu freuen? Freue also auch Du Dich stets im Herrn, Liebste, und nicht mögen Bitterkeit und widrige Dinge Dich umstricken, in Christus liebste Herrin, Freude der Engel und Krone der Schwestern.
"Stelle Deinen Geist vor den Spiegel der Ewigkeit, stelle Deine Seele in den Glanz der Glorie, stelle Dein Herz vor das Bild der göttlichen Wesenheit und forme Dich selbst durch die Beschauung gänzlich um in das Abbild seiner Gottheit", damit Du selbst empfindest, was seine Freunde empfinden durch das Verkosten der verborgenen Süßigkeit, die Gott selbst von Anbeginn denen aufbewahrt hat, die ihn liebhaben.
Dabei übergehe ich gänzlich alles, was in dieser trügerischen, beunruhigenden Welt ihre blinden Liebhaber umgarnt. Jenen liebe mit ganzer Hingabe, der sich um Deiner Liebe willen ganz hingegeben hat, dessen Schönheit Sonne und Mond bewundern, 80 dessen Belohn-ungen in ihrer Köstlichkeit und Größe ohne Ende sind.
Ihn meine ich, den Sohn des Allerhöchsten, den die Jungfrau gebar und nach dessen Geburt sie Jungfrau blieb. Seiner liebsten Mutter hange fest an, die einen solchen Sohn geboren hat, den die Himmel nicht zu fassen vermögen; und dennoch hat sie ihn im Kämmerlein des heiligen Mutterleibes gebildet und im jungfräulichen Schoß getragen.
Wer sollte nicht vor den Nachstellungen des Feindes des Menschengeschlechtes zurückschrecken, der durch den Prunk des Kurzlebigen und durch trügerische Ehren das zunichte zu machen drängt, was größer ist als der Himmel?
Siehe, jetzt ist es klar, daß durch die Gnade Gottes, die das Wertvollste aller Geschöpfe ist, die Seele des gläubigen Menschen größer ist als der Himmel;
denn die Himmel mit den übrigen Geschöpfen vermögen den Schöpfer nicht zu fassen, die gläubige Seele allein ist seine Wohnung und sein Sitz, und dies nur durch die Liebe, die die Gottlosen nicht haben.

Denn so spricht die Wahrheit: „Wer mich liebt, wird von meinem Vater geliebt, und auch ich werde ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.“

Wie also die glorreiche Jungfrau der Jungfrauen ihn leiblich getragen hat,
so kannst auch Du ihn ohne jeglichen Zweifel stets in Deinem keuschen und jungfräulichen Leib geistig tragen, wenn Du den Fußstapfen ihrer Demut und besonders ihrer Armut nachfolgst; ihn wirst Du umfangen, von dem Du umfangen wirst und alles umfangen wird; das wirst Du besitzen, was Du auch, verglichen mit anderen vergänglichen Reichtümern dieser Welt, um so dauerhafter besitzen wirst.
Denn in dieser Welt lassen sich manche weltliche Könige und Königinnen,
deren Überheblichkeiten bis zum Himmel stiegen und deren Haupt die Wolken berührte, täuschen und werden am Ende wie ein Düngerhaufen verderben.
Darüber aber, was Du mir schon mitzuteilen aufgetragen hast, glaubte ich, Deiner Liebe antworten zu müssen, welche Festtage es nämlich sind - wie ich vermute, hast Du es in etwa angenommen -, die unser glorreicher Vater, der heilige Franziskus, uns besonders zu feiern aufgetragen hat durch Verschiedenheit der Speisen.

Jedenfalls soll Deine Klugheit wissen, daß außer den gebrechlichen und kranken Schwestern, denen wir gemäß seiner Mahnung und seinem Auftrag hinsichtlich aller Speisen die größtmögliche Rücksichtnahme angedeihen lassen sollen,
keine von uns Gesunden und Kräftigen etwas anderes als nur Fastenspeise genießen darf sowohl an Wochen- wie an Festtagen, denn an jedem Tag müssen wir fasten,
ausgenommen an den Sonntagen und an Weihnachten; an diesen Tagen sollen wir zweimal täglich essen dürfen.
Auch an den gewöhnlichen Donnerstagen ist das Fasten dem Belieben der einzelnen Schwester überlassen, so daß jene, die nicht will, dazu nicht gehalten sein soll.
Wir Gesunden freilich fasten täglich außer an Sonntagen und an Weihnachten.
An jedem Osterfest aber und an den Festen der heiligen Maria und der heiligen Apostel sind wir ebenfalls nicht zum Fasten gehalten, wie ein Schreiben des seligen Franziskus sagt, außer es fallen diese Feste auf einen Freitag.
Und wie schon vorher erwähnt, essen wir, die gesund und kräftig sind, immer nur Fastenspeisen.
Freilich ist unser Fleisch weder Fleisch aus Erz, noch Felsenkraft unsere Kraft,
ja, wir sind gebrechlich und zu jeder körperlichen Schwäche geneigt.

Deshalb bitte ich, Liebste, daß Du Dich weise und besonnen von jeder rücksichtslosen und unmöglichen Strenge der Enthaltsamkeit, die Du, wie ich weiß, begonnen hast, zurückziehst. Und ich bitte Dich im Herrn, daß Du lebend den Herrn preist, dem Herrn einen geistigen Gottesdienst darbringst, und Dein Opfer stets mit Salz gewürzt sei.
Lebe immer wohl im Herrn, wie auch ich es für mich sehr wünsche, gesund zu sein, und empfiehl sowohl mich als auch meine Schwestern in Deinen heiligen Gebeten.

Der Hälfte ihrer Seele und dem Schrein ihrer herzlichen und einzigartigen Liebe, der berühmten Königin, der Braut des Lammes des ewigen Königs, der Herrin Agnes, ihrer liebsten Mutter und vor allen anderen bevorzugten Tochter, entbietet Klara, Christi unwürdige Dienerin und unnütze Magd seiner Mägde, die im Kloster S. Damiano bei Assisi wohnen, Gruß und wünscht ihr, sie möge mit den anderen hochheiligen Jungfrauen vor dem Throne Gottes und des Lammes das neue Lied singen und dem Lamme folgen, wohin es geht.


O Mutter und Tochter, Braut des Königs aller Zeiten, wundere Dich nicht, wenn ich Dir nicht so häufig geschrieben habe, wie Deine Seele und in gleicher Weise meine es ersehnt und von Herzen begehrt.
Glaube ja nicht, daß das Feuer der Liebe zu Dir weniger liebevoll im tiefsten Herzen Deiner Mutter brennt.
Darin nämlich liegt das Hindernis: im Mangel an Boten und in den bekannten Gefahren der Straßen.
Indem ich aber jetzt Deiner Liebe schreibe, freue ich mich und frohlocke mit Dir in der Freude des Geistes, o Braut Christi, weil Du wie eine zweite hochheilige Jungfrau, die heilige Agnes, dem unbefleckten Lamm, das hinwegnimmt die Sünden der Welt, wunderbar vermählt bist, nachdem Du alle Eitelkeiten der Welt hingegeben hast.
Wahrhaft glücklich, wem es gegeben wird, dieses heilige Gastmahl zu genießen, um mit allen Fasern des Herzens dem anzuhangen, dessen Schönheit alle seligen himmlischen Heerscharen unaufhörlich bewundern, dessen Liebe reich beschenkt, dessen Betrachtung erquickt, dessen Güte erfüllt, dessen Liebenswürdigkeit wieder herstellt, dessen Andenken lieblich leuchtet, durch dessen Duft Tote wieder aufleben werden, dessen glorreicher Anblick selig machen wird alle Bewohner des himmlischen Jerusalem, da es ein Abglanz der ewigen Herrlichkeit, ein Schein des ewigen Lichtes und ein Spiegel ohne Makel ist.
In diesen Spiegel schaue täglich, o Königin, Braut Jesu Christi, und betrachte immer in ihm Dein Antlitz, auf daß Du Dich so gänzlich innerlich und äußerlich schmückst, bekleidet und umgeben von bunter Pracht, mit der Mannigfaltigkeit aller Tugenden Dich umgibst, mit Blumen und Gewändern in gleicher Weise geschmückt bist, wie es sich geziemt, o Tochter und keuscheste Braut des höchsten Königs.
In diesem Spiegel erstrahlen die selige Armut, die heilige Demut und die unaussprechliche Liebe, wie Du mit Gottes Gnade durch den ganzen Spiegel sehen kannst.
Beachte, sage ich, ganz vorne in diesem Spiegel die Armut dessen, der da in der Krippe liegt und in Windeln eingehüllt ist.
O wunderbare Demut, o staunenswerte Armut!
Der König der Engel, der Herr des Himmels und der Erde wird in eine Krippe gelegt!
In der Mitte des Spiegels aber betrachte die Demut, wenigstens aber die selige Armut, die unzähligen Entbehrungen und Mühen, die er um der Erlösung des Menschengeschlechtes willen auf sich genommen hat. Am Ende dieses Spiegels aber beschaue die unaussprechliche Liebe, mit der er am Stamme des Kreuzes leiden und an ihm durch die schimpflichste Art des Todes sterben wollte. Als daher dieser Spiegel selbst am Holz des Kreuzes angebracht wurde, da erinnerte er die Vorübergehenden an das, was sie erwägen sollten, indem er sprach: "Ihr alle, die ihr des Weges vorüberzieht, habt acht und seht, ob ein Schmerz gleich meinem Schmerz!"
Laßt uns dem Rufenden und Weheklagenden mit einer Stimme und einem Geist antworten, wie er selbst sagt: "Immer denke ich daran, und meine Seele schmachtet in mir dahin."
Daher also mögest Du vom Feuer der Liebe immer stärker entzündet werden, o Königin des himmlischen Königs.
Betrachte überdies seine unsagbaren Wonnen, seine Reichtümer und ewigen Ehre
und rufe aus, seufzend vor übergroßer Sehnsucht und Liebe des Herzens:
"Ziehe mich hin zu dir, wir wollen dem Dufte seiner Salben nacheilen, himmlischer Bräutigam!
Ich werde laufen und nicht ermatten, bis du mich in den Weinkeller führst,
bis deine Linke unter meinem Haupt ist, und die Rechte mich glückselig umarmen wird, du mich mit dem seligen Kuß deines Mundes küssen wirst.
"
In dieser Beschauung erinnere Dich an Deine ärmliche Mutter und wisse, daß ich Dein glückseliges Andenken unauslöschlich auf die Tafeln meines Herzens geschrieben habe, weil Du mir teurer bist als alle.

Was soll ich noch weiter sagen? Es schweige in meiner Liebe zu Dir die Sprache des Fleisches; dies sagt und spricht die Sprache des Geistes.
Die Liebe nämlich, die ich zu Dir hege, o gebenedeite Tochter, könnte die Sprache des Fleisches keineswegs vollständiger ausdrücken; sie spricht das aus, was ich nur unvollkommen geschrieben habe. Ich bitte, Du mögest gütig und ergeben aufnehmen und darin wenigstens die mütterliche Zuneigung bemerken, wodurch ich alle Tage in der Glut der Liebe zu Dir und Deinen Töchtern entbrenne: Ihnen empfiehl mich und meine Töchter herzlich in Christus.
Meine Töchter selbst aber, besonders die klügste Jungfrau Agnes, unsere Schwester, empfehlen sich Dir und Deinen Töchtern im Herrn, soviel sie vermögen.

Lebe wohl, liebste Tochter, mit Deinen Töchtern bis hin zum Throne der Herrlichkeit des großen Gottes und betet für uns.

Die Überbringer dieses Briefes, unsere liebsten Brüder, Amatus, beliebt bei Gott und den Menschen, und Bonagura, empfehle ich, soviel ich vermag, hiermit Deiner Liebe. Amen.

Impuls: Bedeutung der Heiligen Agnes für unser Leben

Geboren als Prinzessin des höchsten Herrschergeschlechts von Böhmen, entschied sich Agnes von vornherein, in ihrem Leben dem Ruf Gottes zu folgen. Die Versuche ihres Vaters, sie politisch günstig zu verheiraten, scheiterten mehrfach. Selbst Avancen von Königen und Kaisern lehnte sie ab, sobald sie selbst darüber entscheiden durfte. Stattdessen gründete sie Orden und Klöster. Sie wurde schließlich selbst Nonne und lebte ein Leben der Askese und des Gebets. Viele Gnaden und Wunder sind dadurch erwirkt worden. Die Heilige von Prag war zu ihrer Zeit schon vielen ein Vorbild im Glauben - und ist es seither. 

Stellen wir mit Blick auf die Jahresheilige einige Fragen an uns selbst:

  • Bin ich bereit, mir weltliche Annehmlichkeiten - Ansehen - Geld - ein bequemes Leben - zu versagen? Um meiner Berufung konsequent zu folgen? Bin ich bereit, etwas zu riskieren?
  • Die Heilige Agnes war sich schon mit 14 Jahren ihrer religiösen Berufung bewusst. Was ist meine Berufung? Nehme ich mir Zeit für das Gebet, um wirklich Gottes Stimme dazu zu hören?
  • Pflege ich Freundschaften, die mir in meinem geistlichen Leben weiterhelfen - wie Agnes und die Heilige Klara? Oder bewege ich mich einfach in meiner Komfortzone, ohne auf mein Umfeld und den Einfluss auf mich zu achten?
  • Agnes war eine tatkräftige Heilige, die sich für Arme und Kranke einsetzte, Orden gründete und leitete: Wie kann ich in diesem Jahr - in einem oder zwei konkreten Schritten - etwas für die Armen, Kranken, für meine Gemeinde oder geistliche Gemeinschaft tun?

 

Heilige Agnes, begleite radio horeb im Jahr 2022, bitte für alle haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter und alle Hörer!