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Klare Worte zum Synodalen Weg beim Ad-limina-Besuch

Die Kardinäle Ladaria und Ouellet haben im Zuge des Besuches der deutschen Bischöfen in Rom ihre kritische Einschätzung zum Synodalen Weg vorgebracht.

Vom 14. bis 18. November war die Deutsche Bischofskonferenz in Rom. In Gesprächen mit Papst und Vertretern wichtiger Institutionen ging es u. a. um den Synodalen Weg.

Am Donnerstag veröffentlichte der Vatikan die Reden der Kardinäle Ladaria und Ouellet beim Ad-limina-Besuch der deutschen Bischöfe. Am vergangenen Freitag hatten die beiden Dikasterienleiter die grundsätzlichen Bedenken des Vatikans an den Formen, Themen und Beschlüssen des Synodalen Weges der Kirche in Deutschland formuliert. Sowohl der "oberste Glaubenshüter" Luis Ladaria als auch der päpstliche Verantwortliche für die Bischöfe Marc Ouellet leiteten ihre Einwände mit dem Brief des Papstes an das pilgernde Gottesvolk in Deutschland (2019) ein. Die maßgebliche Sorge Roms betreffe, so die Kardinäle, die Einheit der Weltkirche und den Umgang mit der kirchlichen Lehre und Disziplin. Auch Bischof Georg Bätzing, Vorsitzender der DBK, hat seinen Vortrag veröffentlicht.

"Es gibt einen Absatz im Schreiben des Heiligen Vaters an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland, der den Hintergrund für meine kurze Rede bildet. Papst Franziskus schreibt in Absatz 9 des soeben zitierten Briefes:

'Die Weltkirche lebt in und aus den Teilkirchen [Lumen gentium, 23], so wie die Teilkirchen in und aus der Weltkirche leben und erblühen; falls sie von der Weltkirche getrennt wären, würden sie sich schwächen, verderben und sterben. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, die Gemeinschaft mit dem ganzen Leib der Kirche immer lebendig und wirksam zu erhalten. Das hilft uns, die Angst zu überwinden, die uns in uns selbst und in unseren Besonderheiten isoliert, damit wir demjenigen in die Augen schauen und zuhören oder damit wir auf Bedürfnisse verzichten können und so denjenigen zu begleiten vermögen, der am Straßenrand liegen geblieben ist. Manchmal kann sich diese Haltung in einer minimalen Geste zeigen, wie jene des Vaters des Verlorenen Sohnes, der die Türen offen hält, so dass der Sohn, wenn er zurückkehrt, ohne Schwierigkeiten eintreten kann [vgl. Evangelii gaudium, 46]. Das bedeutet nicht, nicht zu gehen, nicht voranzuschreiten, nichts zu ändern und vielleicht nicht einmal zu debattieren und zu widersprechen, sondern es ist einfach die Folge des Wissens, dass wir wesentlich Teil eines größeren Leibes sind, der uns beansprucht, der auf uns wartet und uns braucht, und den auch wir beanspruchen, erwarten und brauchen. Es ist die Freude, sich als Teil des heiligen und geduldigen treuen Volkes Gottes zu fühlen.'

Die folgenden Worte möchten nun in jedem von uns von neuem dieses Bewusstsein wecken, dass wir konstitutiv Teil eines größeren Leibes sind, und dass gerade diese Gemeinschaft mit allen anderen Gliedern der Kirche - mehr als tausend Gesten oder lautstarke Erklärungen - jene Gastfreundschaft ermöglichen kann, die heute so notwendig ist gegenüber denjenigen, die am Straßenrand zurückbleiben.

Und in der Tat gibt es sehr viele Männer und Frauen, die sich heute nicht mehr 'zu Hause' fühlen im Haus des Herrn und draußen bleiben. Und es gibt sehr viele, die sich von den Männern und Frauen der katholischen Kirche zutiefst verraten fühlen und nicht mehr hingehen. Vor allem aber gibt es sehr viele Männer und Frauen, die kein Vertrauen mehr in uns Bischöfe haben. Und das geschieht nicht ohne Grund. Wir denken hier sofort an das schmerzliche Kapitel des sexuellen Missbrauchs und ganz allgemein des Machtmissbrauchs durch Geistliche und an all die Male, in denen unsere Reaktion als Kirche in solchen Fällen der Situation nicht angemessen war. In dieser Hinsicht werden wir nicht müde werden, die Opfer dieses Missbrauchs um Vergebung zu bitten und ihnen, wenn möglich, unsere Hilfe anzubieten; gleichzeitig werden wir nicht müde werden, jeden Tag unsere Entschlossenheit zu erneuern, auf dass es nie wieder zu Missbrauch von Minderjährigen und zu Machtmissbrauch durch Männer und Frauen der Kirche kommen möge. Was das betrifft, kann ich Ihnen versichern, dass sich das Dikasterium für die Glaubenslehre mit aller Kraft und mit größter Aufmerksamkeit dafür einsetzt, dass die im Codex des kanonischen Rechtes vorgesehenen Strafen gegen jene Kleriker verhängt werden, die sich solcher abscheulichen Verbrechen schuldig gemacht haben.

Unter diesem Gesichtspunkt erscheinen die Anstrengungen, die die Kirche in Deutschland in ihrem Innern unternimmt, um Sicherheitsprotokolle zu erstellen, damit jeglicher Missbrauch von Minderjährigen und jede andere Form von Gewalt gegen Erwachsene durch Kleriker und in jedem Fall innerhalb kirchlicher Einrichtungen verhindert werden, mehr als lobenswert. Dieser Einsatz hat in dem von der Kirche in Deutschland 2019 initiierten Synodalen Weg, der gerade in diesen Monaten eine besonders wichtige Phase erreicht, seine besondere Konkretisierung erfahren.

Eben in diesem Geist des 'Wissens, dass wir wesentlich Teil eines größeren Leibes sind, der uns beansprucht, der auf uns wartet und uns braucht, und den auch wir beanspruchen, erwarten und brauchen', wie es in den eingangs zitierten Worten des Schreibens des Heiligen Vaters an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland heißt, ist es meine Aufgabe als Präfekt des Dikasteriums für die Glaubenslehre, Ihnen, verehrte Mitbrüder, fünf konkrete Bedenken vorzutragen, die sich aus einer sorgfältigen Lektüre der bisher auf Ihrem Synodalen Weg diskutierten Texte ergeben.

Das erste Bedenken betrifft die literarische Gattung der Texte. Da es sich nicht um eine Synode, sondern um einen Synodalen Weg handelt, scheint vorerst kein Abschlussdokument geplant zu sein. Aber sollten wir nicht an so etwas wie ein Abschlussdokument des Synodalen Wegs oder etwas Ähnliches denken? Eine solche Frage drängt sich auf, wenn man feststellt, dass es in vielen Passagen der Texte des Synodalen Wegs allgemeine Aussagen über die im heiligen Volk Gottes vorhandenen Positionen gibt, anspielende Verweise auf wissenschaftliche und soziologische Erkenntnisse, die Verwendung von Ergebnissen der Exegese, die immer noch diskutiert werden und diskussionswürdig sind, nicht hinterfragte Erklärungen über ein Ende der Metaphysik und die Eklipse aller Wahrheit, allgemeine Protokolle über die mögliche öffentliche Anerkennung der kirchlichen Lehre und schließlich Verweise auf ungenannte Theologen und Theologinnen ohne die Möglichkeit der Identifizierung. Diese Dinge sind vielleicht für die Autoren der Texte und für qualifizierte Leser sehr klar, aber wenn wir Teil eines größeren Leibes sind und diese Texte (mit ihren bereits verfügbaren Übersetzungen in andere Sprachen) eine globale Verbreitung zu finden beginnen, scheint es nicht abwegig, ein Schlussdokument oder etwas Ähnliches vorzuschlagen, in dem ein lineareres Vorgehen und eine geringere Abhängigkeit von Behauptungen, die nicht vollständig gesichert sind, zum Ausdruck kommen kann.
Das zweite Bedenken gilt dem Zusammenhang zwischen der Struktur der Kirche und dem Phänomen des Missbrauchs von Minderjährigen durch Kleriker und anderen Missbrauchsphänomenen. Der in den Texten enthaltene Diskurs scheint, auch aufgrund ihrer Länge und der notwendigen mehrfachen Wiederholungen, der spezifischen Natur des kirchlichen Leibes nicht Rechnung zu tragen. Es versteht sich von selbst, dass alles getan werden muss, um weiteren Missbrauch an Minderjährigen durch Kleriker zu verhindern, aber dies darf nicht bedeuten, das Geheimnis der Kirche auf eine bloße Machtinstitution zu reduzieren oder die Kirche von vornherein als eine strukturell Missbrauch hervorbringende Organisation zu betrachten, die so schnell wie möglich unter die Kontrolle von Oberaufsehern gebracht werden muss. In dieser Hinsicht besteht die größte Gefahr vieler operativer Vorschläge der Texte des Synodalen Wegs darin, dass eine der wichtigsten Errungenschaften des Zweiten Vatikanischen Konzils verloren geht, nämlich die klare Lehre von der Sendung der Bischöfe und damit der Ortskirche.

Das dritte Bedenken bezieht sich auf die Sicht der menschlichen Sexualität gemäß der kirchlichen Lehre, besonders wie sie im Katechismus der Katholischen Kirche von 1992 zum Ausdruck kommt. Der allgemeine Eindruck, der sich aus der Lektüre der Texte des Synodalen Wegs in dieser Hinsicht ergeben könnte, ist, dass es auf diesem Gebiet der kirchlichen Lehre fast nichts zu retten gebe. Alles müsse geändert werden. Wie kann man da nicht an den Eindruck denken, den all dies auf so viele Gläubige hat, die auf die Stimme der Kirche hören und sich bemühen, ihre Leitlinien für ihr Leben zu befolgen? Sollen sie vielleicht denken, dass sie bisher alles falsch gemacht haben?

Man sollte nicht zu leichtfertig glauben, dass die menschliche Sexualität etwas ist, das klar und deutlich vor uns steht und frei von der Ambivalenz ist, die jede menschliche Geste mit sich bringt, und noch mehr jede menschliche Geste, die mit der Ausübung der Sexualität zusammenhängt. Es wäre wünschenswert gewesen, wenn die Verfasser der Texte und die Vollversammlung des Synodalen Wegs vorsichtiger gewesen wären und mehr Vertrauen in die Vision gehabt hätten, die das Lehramt in den letzten Jahrzehnten in Bezug auf die Sexualität entwickelt hat. Die Bewahrung des konstitutiv Leben empfangenden und weitergebenden Charakters des Menschen bleibt eine der großen prophetischen Aufgaben der Gemeinschaft der Glaubenden in dieser Zeit der fortschreitenden Kommerzialisierung der menschlichen Existenz.

Das vierte Bedenken betrifft die Rolle der Frauen in der Kirche und insbesondere die Frage des Zugangs von Frauen zur Priesterweihe. Auch hier scheinen die Texte des Synodalen Wegs einer partizipatorischen Hermeneutik der lehramtlichen Positionen nicht gerecht zu werden, indem sie alles auf die folgende Feststellung reduzieren: Die grundlegende Würde der Frauen werde in der katholischen Kirche nicht respektiert, weil sie keinen Zugang zur Priesterweihe haben. Die Position des Lehramtes ist in Wirklichkeit spezifischer. Der entscheidende Punkt ist nicht, dass Frauen in der katholischen Kirche nicht zum Priester geweiht werden können; der Punkt ist, dass man die Wahrheit akzeptieren muss, dass 'die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden' (hl. Johannes Paul II., Ordinatio sacerdotalis).

Hier findet dieses Bewusstsein, Teil eines größeren Leibes zu sein, eines Leibes, der nicht unzusammenhängend ist, sondern der nach dem ausdrücklichen Willen Jesu, des Herrn, in Petrus und seinen Nachfolgern seinen Führer hat, seinen vollen Sinn. Ich möchte sofort hinzufügen, dass die jüngsten Überlegungen des Synodalen Wegs, die Bitte an den Heiligen Vater Franziskus zu richten, dieses Thema wieder aufzugreifen, sicherlich die sehr polemischen Töne des entsprechenden Textes über den Zugang von Frauen zur Priesterweihe dämpfen, und dafür können wir nur dankbar sein. Natürlich bleibt die Frage offen, wohin diese Texte des Synodalen Wegs letztlich führen. Die brüderliche Anregung bleibt die, zu einer ruhigeren Synthese zu gelangen, die deutlich stärker in Einklang steht mit jenem 'Bewusstsein, dass wir konstitutiv Teil eines größeren Leibes sind', an welchem sich mein Beitrag ausrichtet.

Das fünfte und letzte Bedenken betrifft die Ausübung des kirchlichen Lehramtes und insbesondere die Ausübung des bischöflichen Lehramtes. Fast vergessen wird in den Texten des Synodalen Wegs die Vorgabe der Konzilskonstitution Dei Verbum und insbesondere die Frage der Weitergabe des Glaubens dank der apostolischen Sukzession: 'Damit das Evangelium in der Kirche für immer unversehrt und lebendig bewahrt werde, haben die Apostel Bischöfe als ihre Nachfolger zurückgelassen und ihnen ihr eigenes Lehramt überliefert' (DV, 7).

Schon vor der Abfassung des neutestamentlichen Corpus gab es in der Tat die Gemeinschaft der Jünger und Jüngerinnen Jesu, des Herrn, die dazu berufen war, allen Menschen auf der Erde die frohe Botschaft vom Gott der Liebe zu bringen. Diese Gemeinschaft ist allerdings eine geordnete Gemeinschaft, die auf ein Haupt gegründet ist, welches Petrus ist, und die unter der Leitung der Zwölf steht, die die Aufgabe haben, das Zeugnis der anderen Jünger und Jüngerinnen des Herrn zu bestätigen. Durch die Jahrhunderte hindurch ist diese Ordnung in der 'diaconía' aller zum Himmelreich gerade dank der Gegenwart und Sendung der Bischöfe und in besonderer Weise dank der Gegenwart und Sendung des Bischofs von Rom möglich geworden. Ihm kommt gerade deshalb die besondere Aufgabe zu, alle zu begleiten, um die Liebe in der Wahrheit und die Wahrheit in der Liebe zu leben. Und wenn es wahr ist, dass das Lehramt unter dem Urteil des Wortes steht, so ist es gleichfalls wahr, dass das Wort gerade durch die Ausübung des Lehramtes der Bischöfe und insbesondere des Bischofs von Rom lebendig wird und lebendig erklingt. Wie tröstlich ist es für jeden Bischof, sich immer cum Petro und sub Petro zu wissen!

Es ist daher nicht möglich, diese heikle und entscheidende Aufgabe im Leben der katholischen Kirche mit anderen Ämtern in der Kirche gleichzusetzen, wie zum Beispiel mit denen der Theologen und der Experten in anderen Wissenschaften.

Verehrte Brüder, dies sind die Bedenken, die ich Ihnen im Geiste des Bewusstseins, dass wir alle konstitutiv Teil eines größeren Leibes sind, vortragen wollte. Die Weltkirche braucht die Kirche in Deutschland, so wie die Kirche in Deutschland die Weltkirche braucht. Aber wir müssen einander 'brauchen' wollen, wir müssen einander erwarten wollen, wir müssen diese Gemeinschaft des Lebens und des Weges wollen. Und in Wahrheit ist es genau das, was Ihr ehrlicher und tiefempfundener Wunsch verlangt, mehr und mehr eine Kirche zu sein, in der sich alle zu Hause fühlen können, in der sich alle als Teil einer Familie fühlen können, eine Kirche, in der Gott allen sein Antlitz als Vater, Sohn und Heiliger Geist offenbart, besonders jetzt nach den dramatischen Kapiteln, die wir erlebt haben aufgrund der Beweise für den schrecklichen Missbrauch von Minderjährigen durch Kleriker und den Umgang einiger Bischöfe damit, der nicht immer dem Ernst der Lage entsprach.

Möge der Herr unsere Bereitschaft segnen, einander zu brauchen."

(Quelle: Vatican News; Orig. ital. in Osservatore Romano 24.11.2022)

"Liebe Mitbrüder!

Im Schreiben an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland hat Papst Franziskus in Gemeinschaft mit seinem Vorgänger Benedikt XVI. den Rückgang des christlichen Lebens im Land zur Kenntnis genommen und das ganze Volk Gottes aufgefordert, auf Christus als Schlüssel für die Erneuerung zu vertrauen. Der Heilige Vater hat geschrieben: 'Es ist dies ein sicherlich facettenreicher und weder bald noch leicht zu lösender Rückgang. Er verlangt ein ernsthaftes und bewusstes Herangehen und fordert uns in diesem geschichtlichen Moment wie jenen Bettler heraus, wenn auch wir das Wort des Apostels hören: 'Silber und Gold besitze ich nicht. Doch was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi, des Nazoräers, geh umher!' (Apg 3,6).' Ich möchte auf diesen Abschnitt des erwähnten Briefes Bezug nehmen, um im Geist der Apostelgeschichte einige kurze ekklesiologische Überlegungen zu Ihrem synodalen Suchen darzulegen. Ich tue dies als Bruder im bischöflichen Dienst, aber auch mit Blick auf die Bedürfnisse der einfachen Gläubigen.

Sie, die Nachfolger der Apostel in Deutschland, haben die Tragödie des von Klerikern begangenen sexuellen Missbrauchs ernst genommen und in typisch deutscher Manier mit den Mitteln von Wissenschaft, Glaube und synodaler Konsultation eine Untersuchung in Gang gebracht, um zu einer radikalen Neuausrichtung zu gelangen, die diesem moralischen und institutionellen Versagen ein Ende setzen sollte. Die dabei geführten hitzigen Debatten und die daraus hervorgehenden Reformvorschläge verdienen zweifellos Lob für die Aufmerksamkeit, das Engagement, die Kreativität, die Aufrichtigkeit und den Mut, die Ihr Synodaler Weg gezeigt hat, bei dem die Laien eine gleichberechtigte, wenn nicht vorherrschende Rolle gespielt haben. Nach sorgfältiger Lektüre Ihrer Schlussfolgerungen ist es selbstverständlich, die enorme Anstrengung der institutionellen Selbstkritik aufrichtig zu würdigen ebenso wie die diesen Überlegungen gewidmete Zeit und die gemeinsame Arbeit von Theologen, Bischöfen und Hirten, Männern und Frauen, um zu einem gewissen Konsens zu gelangen, wenn auch mühsam und verbunden mit erheblichen Spannungen. Es ist nun an uns, auf Ihre Vorschläge zu reagieren, die viele vertretbare Elemente theologischer, organisatorischer und funktionaler Art enthalten, die aber aus anthropologischer, pastoraler und ekklesiologischer Sicht auch ernsthafte Schwierigkeiten aufwerfen.

Mehrere maßgebliche Kritiker der aktuellen Ausrichtung des Synodalen Weges in Deutschland sprechen offen von einem latenten Schisma, das der Vorschlag Ihrer Texte in der vorliegenden Form festzuschreiben droht. Ich weiß sehr gut, dass es nicht Ihre Absicht ist, einen Bruch mit der universalen Gemeinschaft der Kirche herbeizuführen, und dass sie auch kein verkürztes christliches Leben befürworten, das eher dem 'Zeitgeist' als dem Evangelium entsprechen würde. Im Gegenteil, die Zugeständnisse, die in Ihren Vorschlägen auftauchen, wurden Ihnen sozusagen durch den sehr starken kulturellen und medialen Druck abgerungen. Ich verstehe, dass Ihre Absicht gerade die ist, ein Schisma zu vermeiden. Dafür sollen die Diener des Evangeliums glaubwürdiger, zahlreicher und qualifizierter werden und es sollen inklusivere christliche Gemeinschaften entstehen, die alle Haltungen – die gemäß der Menschenwürde und dem christlichen Personenbegriff zu bewerten sind – respektieren. Es ist jedoch auffällig, dass die Agenda einer begrenzten Gruppe von Theologen von vor einigen Jahrzehnten plötzlich zum Mehrheitsvorschlag des deutschen Episkopats geworden ist: Abschaffung des Pflichtzölibats, Weihe von viri probati, Zugang von Frauen zum geweihten Amt, moralische Neubewertung der Homosexualität, strukturelle und funktionale Begrenzung hierarchischer Macht, von der Gender-Theorie inspirierte Überlegungen zur Sexualität, wichtige Änderungsvorschläge zum Katechismus der Katholischen Kirche usw.

'Was ist passiert?' und 'Wo sind wir gelandet?', fragen sich viele Gläubige und Beobachter erstaunt. Es fällt schwer, sich des Eindrucks zu erwehren, dass die äußerst gravierende Angelegenheit der Missbrauchsfälle ausgenutzt wurde, um andere Ideen durchzusetzen, die nicht unmittelbar damit zusammenhängen.

Wenn man die Vorschläge in ihrer Gesamtheit bewertet, hat man den Eindruck, dass wir es nicht nur mit einer 'aufgeschlosseneren' Auslegung der katholischen Disziplin oder Moral zu tun haben, sondern mit einer grundlegenden Änderung, die ernsthafte Bedenken aufwirft, wie der Präfekt des Dikasteriums für die Glaubenslehre gerade gesagt hat. Es scheint uns, dass wir vor einem Projekt der 'Veränderung der Kirche' stehen und nicht nur vor pastoralen Neuerungen im moralischen oder dogmatischen Bereich. Leider muss ich feststellen, dass dieser globale Vorschlag, in Deutschland und anderswo bereits weithin bekannt gemacht, die Gemeinschaft der Kirche verletzt, weil er Zweifel und Verwirrung unter dem Volk Gottes sät. Tagtäglich erreichen uns unmittelbare Zeugnisse, die das Ärgernis beklagen, das dieser unerwartete, einen Bruch mit der katholischen Tradition darstellende Vorschlag bei den Kleinen verursacht.

Es ist nicht verwunderlich, dass diese Ergebnisse nicht nur die örtliche Bischofskonferenz und die Kirche in Deutschland spalten, sondern auch den Weltepiskopat, der es nicht an einer erstaunten und besorgten Reaktion hat fehlen lassen. Diese Tatsache muss uns zum Nachdenken über das primäre Amt des Bischofs führen: die Verkündigung in Übereinstimmung mit dem Lehramt der Kirche und des Papstes (vgl. Lumen gentium, 25). Jeder Bischof ist von seiner Weihe und Hinzufügung zum Kollegium der Nachfolger der Apostel an befähigt, cum et sub Petro die Weltkirche in der ihm anvertrauten Teilkirche zu repräsentieren und die Gemeinschaft seiner Teilkirche mit der Weltkirche zu gewährleisten. Die Kriterien für diese Gemeinschaft sind in Lumen gentium, in Christus Dominus und im Codex des kanonischen Rechtes aufgelistet.

Die Tatsache, dass das von Papst Franziskus im Juni 2019 zur Orientierung verfasste Schreiben zwar als spiritueller Bezugspunkt, aber nicht wirklich als Leitfaden für die synodale Methode aufgenommen wurde, hatte erhebliche Folgen. Nach dieser anfänglichen Distanzierung vom päpstlichen Lehramt auf der methodischen Ebene traten im zeitlichen Ablauf der Arbeiten zunehmende Spannungen mit dem offiziellen Lehramt auf der inhaltlichen Ebene zutage, was zu Vorschlägen geführt hat, die offen im Widerspruch zur Lehre stehen, die von allen Päpsten seit dem Zweiten Vatikanischen Ökumenischen Konzil bekräftigt wurde. Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang die Haltung gegenüber der endgültigen Entscheidung von Johannes Paul II. hinsichtlich der Unmöglichkeit für die katholische Kirche, die Priesterweihe von Frauen vorzunehmen. Diese Haltung offenbart ein Glaubensproblem in Bezug auf das Lehramt und einen gewissen um sich greifenden Rationalismus, der sich nur dann an Entscheidungen hält, wenn sie persönlich überzeugend erscheinen oder vom allgemein verbreiteten Denken akzeptiert werden. Dieses symbolische Beispiel untergräbt zusammen mit den anderen moralischen und disziplinarischen Veränderungen, die befürwortet werden, die Verantwortung der Bischöfe für ihr primäres Amt und wirft einen Schatten auf die Gesamtheit der erwähnten Bemühungen der Versammlung, die offenbar stark von Interessengruppen beeinflusst und daher von vielen als riskante Initiative beurteilt wird, die dazu bestimmt ist, zu enttäuschen und zu scheitern, weil sie 'aus der Bahn geraten' ist.

Gottlob enthalten diese ausgearbeiteten Texte – über die bereits abgestimmt wurde, die aber auf der letzten Versammlung im März noch geändert werden können – auch wertvolle Entwicklungen für ein pastorales und ekklesiologisches Umdenken, wie zum Beispiel einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit und die moralische Verpflichtung zur Wiedergutmachung gegenüber den Missbrauchsopfern, die Förderung des allgemeinen Priestertums aller Getauften, die Haltung der Anerkennung von Charismen. In Anbetracht der Umstände und der starken Spannungen, von denen die Sitzungen im Augenblick der Abstimmung geprägt waren, und vor allem in Anbetracht der laufenden Konsultation für die Weltsynode über die Synodalität, scheint uns ein Moratorium für die vorgelegten Vorschläge notwendig zu sein, und eine grundlegende Überprüfung zu einem späteren Zeitpunkt, im Lichte der Ergebnisse der römischen Synode. Wir haben die Chance, die Perspektiven zu verbinden, indem wir eine methodische Änderung vornehmen, die dazu beitragen könnte, die Thesen des deutschen Synodalen Weges zu verbessern, im Sinne eines tieferen Hörens auf den Ansatz von Papst Franziskus und der Weltbischofssynode. Es liegt auf der Hand, dass sich die Methode der Weltsynode von der in Deutschland angewandten unterscheidet: Sie ist sicherlich weniger parlamentarisch, mehr auf eine globale Beteiligung und auf die Erzielung eines Konsenses ausgerichtet, der auf der Grundlage eines tiefen geistlichen Hörens auf das Volk Gottes erreicht wird.

Das grundlegende Motiv für dieses Moratorium ist die Sorge um die Einheit der Kirche, die auf der Einheit der Bischöfe in Gemeinschaft und Gehorsam gegenüber Petrus beruht. Die Befürwortung dieses umstrittenen Vorschlags durch einen Episkopat in Schwierigkeiten würde noch mehr Zweifel und Verwirrung unter dem Volk Gottes säen. Angesichts des ökumenischen Szenariums und der durch Kriege zerrütteten weltweiten geopolitischen Lage ist zu erwarten, dass eine weitere Verbreitung dieses Vorschlags die Probleme, die er beheben soll, nicht lösen würde: die massive Abwanderung der Gläubigen aus der Kirche, den Exodus der Jugend, die sogenannten 'systemischen Ursachen' des Missbrauchs, die Vertrauenskrise der Gläubigen.

Der größte Mangel dieses Vorschlags ist vielleicht ein gewisser apologetischer Ansatz, der sich auf kulturelle Veränderungen stützt, anstatt auf die erneuerte Verkündigung des Evangeliums. Sie besitzen Gold und Silber, Wissenschaft und weithin anerkanntes Ansehen, und gehen mit allem großzügig um, aber vergessen Sie nicht, kraftvoll und einfach den Glauben an Jesus Christus zu bezeugen, was Ihre Gläubigen dringend erbitten.

Mit dem Beispiel und der Lehre von Papst Franziskus können wir zum Geist der Apostelgeschichte zurückkehren: vor allem Jesus Christus schenken, im Hinblick auf den Wunsch nach Heilung und Bekehrung unseres Volkes und unserer selbst. Wir sollten nicht so tun, als seien kulturelle oder institutionelle Lösungen unverzichtbar, um die Gestalt Jesu glaubwürdig zu machen, auch wenn sie von unvollkommenen Amtsträgern vorgebracht wird, sondern wir sollten auf die göttliche Gnade und Barmherzigkeit vertrauen. Das ist die anfängliche Botschaft von Papst Franziskus, die jetzt aufgegriffen und auf die Überprüfung der Ergebnisse des Synodalen Weges angewendet werden müsste.

(Quelle: Vatican News; Orig. ital. in Osservatore Romano 24.11.2022)

Einleitung

Wir Bischöfe sind dankbar, zum Abschluss des Ad-limina-Besuchs in Rom diese Gelegenheit für ein interdikasterielles Treffen zu bekommen. Wir sehen es als gute Gelegenheit gegenseitiger Wertschätzung in dieser Stunde unserer Kirche: der Kirche in Deutschland, eng verwoben mit der Weltkirche. Wir wollen miteinander über Erfahrungen und Ergebnisse des Synodalen Weges der Kirche in unserem Land reflektieren. Gestern hat uns der Heilige Vater bei der Audienz in seinen Antworten deutlich gemacht: Die Kirche lebt aus Spannungen, darum gehören Spannungen zu einer lebendigen Kirche unterwegs. Das ist ein guter Hinweis für unser heutiges Gespräch.

Zu Beginn ist es mir ein Anliegen, einen doppelten Dank auszusprechen: Es ist gut, dass der Heilige Vater den weltweiten synodalen Prozess ins Leben gerufen hat. Als mehrjähriger Weg, dessen dritte Etappe gerade mit dem vor wenigen Wochen hier in Rom vorgestellten Dokument begonnen hat, ist er – wie der ganze Prozess – ein Weg des Miteinander-Redens und Aufeinander-Hörens. Wir danken dem Heiligen Vater für die theologische Suchbewegung nach dem, was Synodalität ist, wie er in seiner historischen Rede zum 50. Jahrestag der Errichtung der Bischofssynode 2015 formuliert hat.

Heute sind wir hier, um über den Synodalen Weg in Deutschland zu sprechen. Ehrlicherweise muss ich sagen: Bei diesem Gespräch fehlen wesentliche Personen und Träger des Synodalen Weges in unserem Land. Denn wir Bischöfe sind Teil einer Synodalversammlung mit 230 Personen – Gläubige, die sich mit großem Engagement für ihre Kirche einsetzen. Das Synodalpräsidium besteht aus zwei Bischöfen und zwei Laien. Leider hat also ein Großteil der Synodalen – insbesondere die Laien – keine Gelegenheit, wie wir sie heute haben. Und darum stehen unsere Überlegungen, Diskussionen, gemeinsamen Perspektiven und möglicherweise Wegweisungen unter dem Vorbehalt, dass sie mit allen im Synodalen Weg besprochen, vergemeinschaftet und angeeignet werden.

Mein zweiter Dank gilt dem Brief des Heiligen Vaters „an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ vom 29. Juni 2019. Er drückt seine Hirtensorge für unsere Ortskirche aus. Die Perspektive der Worte des Papstes ist die Zeitenwende, der Umbruch, von dem er spricht. Dem schließen wir uns ganz an. Denn wir suchen einen Weg der Umkehr und Erneuerung. Und Papst Franziskus hat uns sein Verständnis von Synodalität dargelegt. Sie alle hier dürfen gewiss sein, dass uns dieser Brief beim Synodalen Weg begleitet hat. Bereits in der Präambel unseres Statuts hat er Aufnahme gefunden. In 80.000 Exemplaren wurde er zur Grundlage vieler Gespräche mit Bistümern, Gruppen und Verbänden. In Deutschland sind wir bereits seit mehr als 50 Jahren synodal unterwegs bei wichtigen Schritten und Entscheidungen. Mit unserem jetzigen Prozess sind wir in eine neue Phase eingetreten. Und wir möchten Synodalität auch in Zukunft dauerhaft üben. Es mag sein, dass wir zentrale Hinweise des Briefes noch nicht wirklich ausreichend integriert haben, aber für die Zukunft wollen wir das mehr und besser lernen.

Ich sage aber auch ehrlich, dass es Verwunderung ausgelöst hat, dass der Brief des Papstes auf den eigentlichen Ausgangspunkt des Synodalen Weges, nämlich den sexuellen Missbrauch, den mangelhaften Umgang damit durch kirchliche Autoritäten, die Vertuschung durch Bischöfe und auch die anhaltende Intransparenz in der Bearbeitung durch römische Stellen keinen Bezug nimmt. Liebe Schwestern und Brüder, ich darf darauf hinweisen: Heute ist der vom Papst initiierte jährliche Gedenktag für die Betroffenen sexuellen Missbrauchs in der Kirche. Für die meisten von uns Bischöfen ist nach der MHG-Studie von 2018 deutlich: Alle Bemühungen um Evangelisierung werden wenig fruchten, wenn nicht zuvor radikale Ehrlichkeit über Fehler und systemische Mängel in unserer Kirche dazu führen, konsequent, strukturell und bis hinein in die kirchliche Praxis und Lehre nach Umkehr und Erneuerung zu suchen. Nicht zuletzt haben nämlich bisherige Strukturen zum verheerenden Skandal sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen geführt. Mich erstaunt schon der Eindruck aus einigen Gesprächen der vergangenen Tage, dass dies nicht alle unsere Gesprächspartner teilen.

Wir haben als Kirche viel Vertrauen verspielt und nur noch wenig Glaubwürdigkeit. Der Skandal des sexuellen Missbrauchs darf in keiner Weise kleingeredet oder relativiert werden. Zuallererst muss es uns um den Schutz von Minderjährigen gehen und darum, dass Missbrauch nicht mehr vorkommt. Durch ihn ist die Kirche bis ins Mark hinein verletzt. Die Autorität von uns Bischöfen wurde durch eigenes Verschulden fragwürdig. Diese Stunde ist eine der schwersten Krisen der Kirche und zugleich eine der schwersten Krisen des sakramentalen Dienstamtes der Priester und Bischöfe. Glaubwürdigkeit und Autorität müssen uns von den Gläubigen wieder neu zugeschrieben werden. Nur so wird das Amt in der Kirche überhaupt wieder fruchtbar wirken können. Aber neues Vertrauen werden wir nur gewinnen, wenn sich die Ausübung unseres Dienstes stark verändert, indem wir Klerus, Ordensleute und Laien an Beratungen (decision making) und Entscheidungen (decision taking) ernsthaft und spürbar beteiligen. Und das gilt nicht nur für die Kirche in unserem Land, sondern ebenso für die Weltkirche. Wir bitten eindringlich darum, dass Sie uns in dieser Not hören.

Warum der Synodale Weg?

Wir als Bischöfe haben gehört und das hat uns dazu geführt, dass wir einen wichtigen Schritt gegangen sind und gemeinsam mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken den Synodalen Weg der katholischen Kirche in Deutschland gestartet haben. Die dort behandelten Themen sind letztlich Konsequenzen aus der „Missbrauchs-Studie“ (MHG-Studie), die wir Bischöfe in Auftrag gegeben hatten und deren Ergebnisse im Jahr 2018 vorlagen. Wesentlicher Inhalt der Studie ist, dass verschiedene Faktoren in der Kirche, die eng verwoben sind mit der Art und Weise, wie wir als Kleriker unsere Ämter verstanden und gelebt haben, Missbrauchs-Taten befördert und Missbrauchs-Ahndung behindert haben.

Wir mussten erkennen, dass es der Umgang mit Macht und die Ausnutzung von Abhängigkeit waren, die zu Missbrauch geführt haben. Man kann es auch Klerikalismus nennen – vor dem Papst Franziskus immer wieder warnt –, denn ein autoritär-klerikalistisches Amtsverständnis hat zu Vertuschung missbräuchlichen Verhaltens und zur Schonung des Systems geführt. Es standen die Schonung und der Schutz der Institution im Mittelpunkt, die Interessen und der Schutz der Betroffenen kamen zu kurz.

Missbrauch ist nicht nur ein individuelles Fehlverhalten. Missbrauch hat auch systemische Gründe. Die Art und Weise, wie Bischöfe, Personalverantwortliche in Diözesen, Amtsbrüder und bisweilen auch Gemeinden mit Tätern und Opfern umgegangen sind, hat gewiss unbeabsichtigt Tätern den Eindruck vermittelt, dass ihre Taten nicht so schwerwiegend seien, und hat andere nicht davon abgehalten, Missbrauchstaten zu begehen. Zu diesem Ergebnis kommt übrigens auch der Abschlussbericht zum sexuellen Missbrauch, den die Französische Bischofskonferenz in Auftrag gegeben hat.1

Insofern sind die Befassung mit Macht in der katholischen Kirche, die Befassung mit der katholischen Sexualmoral und auch das Nachdenken über die priesterliche Lebensform (= Themen von drei der vier Foren des Synodalen Weges) Konsequenzen aus der Notwendigkeit zur Aufarbeitung, Aufklärung und Prävention von sexuellem Missbrauch an Minderjährigen und seiner auch systemischen Ursachen. Diese Ursachen wollen wir aufbrechen, um wieder neu Vertrauen der Menschen in und außerhalb der Kirche zu gewinnen.

Einige werden einwenden, dass die genannten Themen, zu denen man noch die Frage nach der Rolle der Frau in der Kirche – nach meiner persönlichen Einschätzung die entscheidende Zukunftsfrage – hinzufügen muss, schon seit mehreren Jahrzehnten kontrovers diskutiert werden. Manche sprechen in diesem Zusammenhang sogar von einem „Missbrauch des Missbrauchs“, der darauf ziele, eine angebliche Reformagenda durchzusetzen. Ich kann diese Kritik nicht verstehen und frage zurück: Müsste es uns nicht vielmehr beschämen, dass es erst der Aufdeckung des sexuellen und geistlichen Missbrauchs bedurfte, damit wir uns mit jenen Aspekten der Verkündigung und des kirchlichen Lebens ernsthaft befassen, auf deren Problematik uns viele Gläubige und die theologischen Debatten schon seit Jahrzehnten aufmerksam machen? Heute müssen wir erkennen, dass die kritischen Stimmen nicht Ausdruck des Zeitgeistes, sondern der aufrichtigen Sorge um das Humanum und um eine glaubwürdige Verkündigung der Kirche sind. Es ist um des Evangeliums willen wichtig, dass wir diesen Stimmen Gehör schenken.

Deshalb haben wir Bischöfe entschieden, einen Synodalen Weg mit dem Volk Gottes in Deutschland zu beschreiten. Wir haben eine Synodalversammlung einberufen, die ein Querschnitt des katholischen Lebens in Deutschland ist. Wir Bischöfe haben unsere Amtsvollmacht nicht aus der Hand gegeben. Aber wir wollen diese Amtsvollmacht im Sinne von Synodalität leben. Ich weiß, dass die oft heftigen Debatten in den Synodalversammlungen manche in der Weltkirche und auch hier in Rom irritiert haben. Einige haben auch öffentlich ihre Sorge geäußert, wohin der Synodale Weg die Kirche in Deutschland führen mag. Hier gibt es manches Unverständnis und manches Missverständnis. Deshalb lassen Sie mich eines an dieser Stelle ganz unmissverständlich sagen:

Der Synodale Weg der Kirche in Deutschland sucht weder ein Schisma noch führt er in eine Nationalkirche. Wer immer von Schisma oder Nationalkirche spricht, kennt weder die deutschen Katholikinnen und Katholiken noch die deutschen Bischöfe. Mich macht traurig, welche Macht dieses Wort bekommen hat, mit dem man uns die Katholizität und den Willen zur Einheit mit der weltweiten Kirche abzusprechen versucht. Dazu gehört leider auch der recht unzutreffende Vergleich mit einer „guten evangelischen Kirche“. Er trifft leider nicht die Intention und Zielrichtung unserer Bemühungen. Denn wir suchen eine bessere katholische, aus der sakramentalen Dimension heraus lebendige Kirche. Diese Bemühungen sind wahrlich anstrengend und sie bringen auch uns Bischöfe deutlich miteinander in Auseinandersetzungen und Spannungen. Ja, in unseren Foren und auf unseren Synodalversammlungen wird gestritten. Es ist wie in einer Familie, wo es auch schon einmal laut wird. Der teilweise emotionale Ton der Debatte ist Ausdruck der Leidenschaft für das Evangelium und der Leidenschaft für die Kirche. Und was wäre eine Liebe ohne Leidenschaft? Doch wir bleiben zusammen.

Wir gehen die Fragen und Probleme, die sich in der Verkündigung und in der Pastoral tagtäglich stellen, in einer theologischen Weise an. Ich sehe die Theologie an unseren Universitäten als einen Reichtum der Kirche an. Das große Engagement der Theologieprofessoren und -professorinnen auf dem Synodalen Weg hilft uns, die Situation der Kirche besser zu analysieren, Argumentationen auszuarbeiten und nach Lösungen zu suchen, die mit guten theologischen Gründen verantwortet werden können. Reichtum kann auch überheblich und selbstgenügsam machen. Schwestern und Brüder, wir wissen um diese Versuchung. Vielleicht ist der eine oder andere ihr auch bisweilen erlegen. Doch der Dienst der universitären Theologie ist für die Kirche unverzichtbar. Wir brauchen das Wissen und die Einsichten der theologischen Disziplinen ebenso wie der Natur- und Humanwissenschaften, um zu zuverlässigen Antworten auf die Fragen unserer Zeit zu kommen.

Ich möchte hier ganz bewusst unsere Beschlüsse nennen, denn darum wird es ja nachher gehen:

  • Orientierungstext „Auf dem Weg der Umkehr und der Erneuerung. Theologische Grundlagen des Synodalen Weges der katholischen Kirche in Deutschland“
  • Grundtext „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche – Gemeinsame Teilnahme und Teilhabe am Sendungsauftrag“
  • Handlungstext „Einbeziehung der Gläubigen in die Bestellung des Diözesanbischofs“
  • Handlungstext „Synodalität nachhaltig stärken“
  • Grundtext „Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche“
  • Handlungstext „Lehramtliche Neubewertung von Homosexualität“
  • Handlungstext „Grundordnung des kirchlichen Dienstes“

Diesen Texten haben auch mehr als zwei Drittel, ja bis zu 85 Prozent der Bischöfe zugestimmt. Sie sind im bisherigen Verlauf unsere Antwort auf das, was wir als Anfragen an die Kirche sehen. Es wird keine neue Kirche gegründet, sondern die Beschlüsse des Synodalen Weges fragen auf der Grundlage der Heiligen Schrift, der Tradition und des letzten Konzils, wie wir heute Kirche sein können – missionarisch und dynamisch, ermutigend und präsent, menschendienlich und einander helfend. Diese Texte wollen unser Beitrag zum Gespräch auf Ebene der Weltkirche sein.

Bei den Beschlüssen differenzieren wir selbstverständlich: Was können wir vor Ort umsetzen, dazu sehen wir uns als Bischöfe ermutigt; und was bedarf der Beratung und Entscheidung auf der Ebene der Weltkirche? Wir sind dankbar, dass mit dem weltweiten synodalen Prozess Raum gegeben ist, die Themen einzubringen.

Umbruchssituation

Die Frage, wie wir heute Glauben leben und Kirche sein können, ist die zentrale Zukunftsfrage. Sie dürfen sicher sein, dass wir beim Synodalen Weg nicht nur über Strukturen sprechen und um den eigenen Kirchturm kreisen. Im Gegenteil: Mit dem Synodalen Weg wollen wir ein Sprechen über Gott in der Öffentlichkeit neu beleben. Unsere Gesellschaft, so säkular und selbst im Umbruch befindlich sie auch sein mag, braucht Religiosität, braucht das öffentliche Zeugnis des christlichen Glaubens und neue Impulse, Gott zur Sprache zu bringen. Auf dem Markt der Sinnanbieter sind wir aber heute nur ein Angebot unter vielen. Dieses Angebot, wenn Sie mir den Begriff gestatten, müssen wir neu sichtbar und erlebbar machen.

Selbst wenn wir Erosionsprozesse einer vergehenden kirchlichen Sozialgestalt (zurückgehendes Ehrenamt, Taufen, Akzeptanz von Kirche in der Öffentlichkeit) wahrscheinlich nicht stoppen können, lassen wir uns nicht entmutigen, nach überzeugenden Gestalten zeitgemäßen Glaubenslebens zu suchen und Menschen neu dafür zu gewinnen. Dies ist keine leichte Aufgabe, immerhin sind zum ersten Mal in der Geschichte unseres Landes Katholiken und Protestanten weniger als 50 Prozent der Bevölkerung. Die Folgen der Corona-Pandemie sind unübersehbar, auch in unserem seelsorglich-pastoralen Leben.

Wir befinden uns in einer Umbruchsituation. Noch hat niemand die eine Lösung anzubieten. Es gibt auch nicht nur einfache Lösungen. Was in dieser Situation gut und richtig ist und was getan werden muss, darum ringen wir in der Bischofskonferenz miteinander. Einig sind wir uns nicht nur darin, dass wir uneinig sind; wir sehen uns alle in der persönlichen und gemeinsamen Verantwortung, diese Situation und diese Zeitstunde der Kirche aktiv mitgestalten und nicht nur reaktiv entgegennehmen zu wollen. Aber wir stehen hier im Gespräch nicht mit einer einheitlichen Meinung als „Block“, es gibt unter uns eine große Bandbreite an Auffassungen und Handlungsoptionen.

Perspektive

Deshalb suchen wir Sie als Gesprächspartner, die uns helfen, diese momentane Spannung auszuhalten und zu gestalten. Wir sind in Sorge, dass ein zu schnelles „Auflösen“ der Spannungen zu Spaltungen führen könnte, die uns allen nicht weiterhelfen. Wir kommen in der Hoffnung, dass wir gemeinsam einen katholischen Rahmen finden können, innerhalb dessen auch Unterschiede und Ungleichzeitigkeiten ihren Platz haben dürfen.

Die Bischofssynode macht stark, dass es vor allem um das Hören aufeinander geht. Auch dieser Aspekt ist unter der Voraussetzung, dass das Vertrauen gestört ist, zu betrachten. Aber: Hören findet statt; insbesondere in den Synodalforen; ein Forum hat sich sogar eine spezielle Methode angeeignet, um in den spannungsreichen Themen das Aufeinander-Hören zu gestalten und insbesondere die Minderheiten vernehmbar zu machen. Und wir treffen uns im Vorfeld von Synodalversammlungen in Hearings, um gemeinsam die Themen zu vertiefen. Gleichzeitig wird zwischen den Versammlungen an den Texten gearbeitet, so dass jeder die Möglichkeit hat, seine Auffassungen in die Debatte einzubringen.

Wir sind froh, uns mit diesen unseren Anliegen und Spannungen in den weltkirchlichen synodalen Prozess einbringen zu können, der sich im Frühjahr 2023 in der kontinentalen Phase fortsetzt; dankbar, dass durch die Verlängerung der weltkirchlichen Phase auch ein wenig Tempo herausgenommen wurde, was der Vergewisserung untereinander sicherlich dienlich ist. Das Arbeitsdokument lässt die vielfältigen Stimmen der Weltkirche in Originalzitaten zu Wort kommen. Es berichtet von den Erfahrungen der Ortskirchen, den Schwierigkeiten, auf die die Verwirklichung einer synodalen Kirche stößt, aber auch von den Früchten, die die synodalen Prozesse bereits jetzt erbracht haben. Schon nach einem Jahr hat dieser synodale Prozess eine Dynamik ausgelöst, die zu einem neuen Verständnis der Würde aller Getauften, zu einer breiteren Mitverantwortung der Gläubigen für die Sendung der Kirche und zu einer deutlicheren Wahrnehmung der Herausforderungen geführt hat, vor denen wir in der weltweiten Kirche stehen. So hat der synodale Prozess bereits jetzt die Kirche verändert.

Deshalb möchte ich noch einmal betonen: Das römische Arbeitsdokument für die Synode macht deutlich, dass der Synodale Weg der Kirche in Deutschland als Teil einer synodalen Dynamik zu verstehen ist, die die ganze Kirche ergriffen hat. Die Themen, mit denen wir uns in den vier Foren und auf den Synodalversammlungen befassen, werden auch in anderen Teilen der Kirche erörtert. Zudem bietet das Arbeitspapier auch einen wertvollen und beeindruckenden Blick ‚über den eigenen Tellerrand hinaus‘ auf die Themen, Fragen und Perspektiven in anderen Teilen des weltweiten Volkes Gottes. Dabei sind viel Gemeinsames, gut Vergleichbares, aber auch in unterscheidender Weise Spezifisches zu entdecken.

Und nun freuen wir uns auf Anfragen, weiterführende Impulse und auf einen brüderlichen Austausch.

1Vgl. Commission indépendante sur les abus sexuels dans l’Église (CIASE), Les violences sexuelles dans l’Église catholique. France 1950–2020vom 5. Oktober 2021 (Kap. II. Le questionnement quant aux causes profondes du phénomène des violences sexuelles perpétrées au sein de l’Église catholique, S. 311–345). https://www.ciase.fr/medias/Ciase-Rapport-5-octobre-2021-Les-violences-sexuelles-dans-l-Eglise-catholique-France-1950-2020.pdf; Englische Version: https://www.ciase.fr/medias/Ciase-Final-Report-5-october-2021-english-version.pdf

(Quelle: Pressemitteilung der Deutschen Bischofskonferenz vom 19.11.2022)

Über den Ad-limina-Besuch der deutschen Bischöfe in Rom haben wir mit Guido Horst gesprochen. Er ist Chefredakteur der katholischen Wochenzeitung "Die Tagespost".

In seinem Kommentar in der Tagespost vom 19. November hat Horst außerdem seine Sicht der Dinge dargestellt: "Anders katholisch sein"

Eindrücke des Treffens mit Papst Franziskus


(Bilder: © Deutsche Bischofskonferenz/Matthias Kopp)